4 Jahre ohne Kindergarten

        

„Oh, hat ihr Kind heute Kindergarten frei?“, „Ist ihr Kind schon im Kindergarten?“, „Was macht ihr Kind denn bei Ihnen, ist gar keine Kita?“ „Na mit 3 ist sie ja sicher schon im Kindergarten“, „Und wie gefällt es ihr in der Kita?“
Ja, nun. Was soll man da antworten? Meine Tochter, im September schon 4 Jahre alt und kein Kindergartenkind. Sie geht weder in die Kita, noch in den Kindergarten, hat keine Tagesmutter oder ist in irgendwelchen Kursen. Sie ist zuhause – Bei mir. Und ihrem kleinen Bruder.

Es ist ja nicht so, als wäre sie nie im Kindergarten gewesen, oder wir hätten uns nicht bemüht, Nein. Ende 2013, Anfang 2014 schauten wir uns viele Kindergärten an, sprachen mit Erziehern und Leitern, bis wir unseren Antrag ausgefüllt im Wunschkindergarten abgaben und warteten. Bis wir Monate später einen Anruf bekamen und die Absage kam. Der Wunschkiga ist voll, die Liste der alternativ aufgeführten Kigas auch (Man sollte den Wunschkindergarten angeben und noch andere Kitas, die bei Vollheit in Frage kämen). Einen Kindergarten gäbe es da aber noch, der hätte noch einen (!) Platz frei. Also schauten wir ihn uns an. Das Konzept war ok, die Leitung grade neu und noch nicht eingearbeitet, viele Kinder tummelten sich überall, die Maus fühlte sich wohl und der Mann und ich knirschten mit den Zähnen. Das Umfeld war nicht grad das Beste, Gutes hatte man bisher auch nicht gehört und zu den Kita Kosten käme noch ein Monatsticket für den Bus dazu, da die Strecke einfach zu weit ist. Aber – Wir willigten ein und sagten zu. Wenn’s dann doch nichts ist, hat man es wenigstens versucht.
Danach kam nichts mehr. Aber wir sollten doch weitere Infos bekommen? Gehaltsabrechnung wegen Berechnung der Kosten zuschicken? Wir fragten nach – Und wurden vergessen. Trotz der schriftlichen Zusage waren unsere Unterlagen nicht auffindbar und es ist ein Wunder, dass wir letztendlich den Platz überhaupt noch bekommen haben.
Weitere Monate vergingen und zum Herbst hin bekamen wir einen süss bemalten Brief und der Info, dass wir zum Gespräch kommen sollten. Hier fing das Problem schon an, wir waren nämlich im Urlaub. Also – Termin verschieben. Als der Tag kam, standen wir pünktlich im Kindergarten, es war Sommerferien Zeit und Niemand war da. Wir warteten und irgendwann kam dann die Leitung. Was wir hier zu suchen hätten, es hätte keinen Termin gegeben und es sind Orientierungstage. Die Erzieherin ist krank, die Andere nicht da, wir sollten bitte einen anderen Termin machen. Na großartig!
Wenigstens der nächste Termin klappte und diesmal waren auch die Erzieher da. Wir saßen auf den winzigen Stühlen im leeren Gruppenraum, während eine Erzieherin sich die Maus schnappte und eine Runde spielte. Wir füllten in der Zeit Formulare aus, bekamen die Liste für den Kindergartenstart und wurden ein wenig überrumpelt mit der Eingewöhnung. In ein paar Tagen geht’s los!
Ich freute mich, war aber auch ein wenig geschockt. Nach soviel Ärger wurde es nun ernst und sie wird ein Kindergartenkind, Wahnsinn!
Wir besorgten die letzten Sachen und kurz bevor es dann starten sollte – Wurde die Eingewöhnung nochmal nach hinten geschoben.

Insgesamt 2 Monate nach offiziellem Kita Start hatte sie dann ihren ersten Tag – 1 Stunde. Wir gingen morgens in die Gruppe, sie bekam ihre Jacke ausgezogen und war auch schon verschwunden. Eigentlich war geplant, dass wir uns im Hintergrund halten, aber da sie uns keines Blickes würdigte, durften der Mann und ich rausgehen und saßen uns 1 1/2 Stunden den Hintern wund, bis wir sie wieder aus der Gruppe holen sollten. Sie zog ihre Jacke an und machte erstmal das Licht in der Gruppe aus – Sie geht ja schließlich heim.
Am nächsten Tag sollten es 2 Stunden sein, wir waren um 8 Uhr da und bis auf ein paar Kinder mit ihren Eltern fehlte von den Erziehern jede Spur – Im Gespräch hieß es noch, es wäre täglich zumindest Einer ab spätestens 7.45 da…. Als die Erzieher kamen, klappte es dann einwandfrei und ich verzog mich in’s „Elterncafe“ (Ein Tisch mit Kaffee mitten im Kiga, wo der Turnbereich der Kids war). Ihre Oma holte uns gegen 11 Uhr ab und sie bekam eine „Zuckertüte“ zum Kindergartenstart.
Den Tag darauf ging es für sie nach Hause, als Mittagszeit war, auch hier: Keine Probleme. Da alles wunderbar klappte, brachte am Freitag der Mann sie zur Gruppe – Er bekam nicht einmal ein Tschüss zu hören und schon spielte sie fröhlich drauflos. Die Eingewöhnung war zuende und ab da ging sie von 8 bis 14 Uhr in den Kindergarten.
Morgens beim aufstehen war sie maulig, freute sich dann aber, als wir los mussten und sie endlich in den Kindergarten durfte. Morgens brachte der Mann sie, es war perfekt, da er sie dort abgeben konnte und dann weiter zur Arbeit fuhr – So war zumindest der Plan. Die Realität sah allerdings anders aus. Man sollte die Kinder pünktlich um 8 Uhr abgeben, aber selten war ein Erzieher in der Gruppe. Man musste in der leeren Gruppe warten, mal 5, mal 10, mal 15, mal 20 Minuten. Oder es kam nach einer halben Stunde (Frühstens) jemand herein, verkündete, dass BEIDE (!) Erzieher krank sind und man die Kinder bitte wieder mit nach Hause nimmt. Da ich nicht berufstätig bin, durfte die Maus auch nicht in die Notbetreuung. Tag für Tag wurde es zum Glücksspiel, ob sie bleiben darf oder gehen muss, mal kam jemand zu spät, mal waren beide krank. Wenn man das enttäuschte Kind dann wieder nach Hause bringen musste, kam kein Wort darüber, wann die Erzieher wieder da sind. In einem Tag? 2? 3? Eine Woche?
Die Maus veränderte sich zunehmend. Aus dem fröhlichen Mädchen wurde mehr und mehr das stille Kind. Keine Freude morgens hinzugehen und große Freude, wenn es Mittags nach Hause ging.
Wir fuhren nach Berlin, für eine Woche. Schwups war es wieder da, das freche, süsse Mädchen, mit der großen Klappe und der ansteckend guten Laune. Nach der Urlaubswoche sollte es wieder in den Kindergarten gehen, aber es verschlechterte sich mehr und mehr. Sobald wir in eine Straße einbogen, wo es zur Kita geht, fing sie an zu weinen, zu schreien, weinte, dass sie bei uns bleiben möchte. Morgens klammerte sie sich an ihren Papa, Mittags rannte sie mich fast über den Haufen, um schnellstmöglichst nach Hause zu kommen. Täglich sah ich durch die Glasscheibe in der Gruppentür, dass sie allein am Tisch saß – Weder Erzieher, noch Kinder um sie herum. Ein trauriger Blick nach unten und das wartende Gesicht zur Tür. Immer wieder fragten wir sie, was los ist. Was sie im Kindergarten macht, ob sie glücklich ist – Bis heute bekamen wir keine Antwort. Nur bei einem Thema war sie sich sicher – Sie möchte nicht mehr in den Kindergarten. Die Erzieher hatten keine Zeit zum reden, waren weiterhin ständig krank und so fassten wir uns ans Herz und kündigten. Wir haben lange drüber nachgedacht, ob es vielleicht nur eine Phase ist, was Kinder nun mal manchmal haben, wenn sie keine Lust haben, es zuhause bequemer ist, ein Geschwisterchen unterwegs ist oder es grad einfach doof ist. Aber es war anders. Sie war nicht trotzig, sie war unglücklich. Ihr ganzes Wesen veränderte sich und es brach mir das Herz, sie so zu sehen. Als wir ihr sagten, dass sie nie mehr dort hin muss, strahlte sie über das ganze Gesicht, beim abholen ihrer Sachen konnte sie nicht schnell genug wieder zum Auto laufen.
Es war die richtige Entscheidung, auch wenn Andere das vielleicht anders sehen sollten.

Wir standen auf der Warteliste des eigentlichen Wunschkindergartens, wir riefen andere Kitas an, standen auf unzähligen Listen. Es kam nichts. Das nächste Kita Jahr startete und wir standen mit leeren Händen da. Alle Kindergärten sind voll. Oder Nein – Hier und da ist noch ein Platz, aber auch nur für 3 Stunden am Tag, dazu noch ewig weit weg und Preise ab 300 Euro. Das können und wollen wir uns nicht leisten.
Wir hörten Dinge, da klingeln mir die Ohren. Versuchen sie es hier und da und dort, entschuldigen sie, aber sie wohnen auf der falschen Straßenseite, sie müssen zum Vorstellungsgespräch bei den anderen Eltern kommen, U3 gar kein Problem, aber Ü3 ist die Warteliste bis zum nächsten Jahr komplett voll, wir nehmen nur Kinder aus der Nachbarschaft, sie sind in der falschen Gemeinde, wenden sie sich doch an XYZ.
Laut dem Amt sind ALLE Plätze in der ganzen Stadt belegt (Ernsthaft jetzt?), dank Rechtsanspruch würde uns zwar ein Platz zustehen, aber wenn der am anderen Ende der Stadt liegt und ich pro Tag ÜBER 4-5 Stunden unterwegs bin, nur für den Kitaweg, bringt das auch nicht wirklich viel. Tagesmütter? Voll und ein Kindergarten wäre uns schon irgendwie lieber.

So war der Stand, bis jetzt. Letztendlich haben wir 3 Kita-Monatsbeträge bezahlt, dafür, dass sie KEINEN Tag dort war, haben einen Rechtsanspruch, aber keinen Platz.
Ich habe keinen Führerschein, kann und möchte nicht 2 Stunden mit Bus und Bahn zur Kita fahren oder 300 Euro im Monat für wenige Stunden ausgeben.
Vielleicht gibt es Menschen, die über diesen Beitrag fluchen, die hohe Kitagebühr als völlig normal empfinden, vielleicht noch viel weiter zum Kindergarten brauchen oder unter keinen Umständen das Kind aus dem vorigen Kindergarten rausgenommen hätten. Das ist aber meine Meinung. Unsere Meinung.

Vor kurzem bekamen wir dann einen Anruf vom Amt für soziale Dienste. Sie steht auf der Liste der unversorgten Kinder und wir haben das große Glück, dass ein Kindergarten Platz frei geworden ist. Wir sollten uns aber beeilen, denn es gibt direkt schon andere Interessenten. Voller Freude riefen wir an, erkundigten uns und… Ließen es bleiben.
Aufnahmegebühr im 3-stelligen Bereich, monatliche Zahlung, die über 250 Euro betragen, zusätzlich noch regelmäßiges Lebensmittel und Getränke einkaufen für alle Kinder dort. Außerdem Gartenpflege, Kindergarten säubern und regelmäßig im Kindergarten anwesend sein, um zusammen mit den Erziehern die Kinder zu betreuen. Das möchte ich einfach nicht, nicht mit einem Baby zuhause und den sowieso schon hohen Kitakosten. Abgelehnt.
Nur wenige Tage später schickte der Mann mir ein Foto über WhatsApp, „Hier entsteht ein Kindergarten“. „Das wäre doch ideal!“, lachten wir und schenkten dem keine weitere Beachtung. Am nächsten Tag wurde ich dann doch neugierig, googelte, informierte mich und sah, dass dieser Kindergarten schon besteht. Ich fand ein Formular für die Anfrage auf einen Platz, füllte alles aus, sagte dem Mann Bescheid und im gleichen Atemzug bat ich ihn, dort anzurufen – Das geht schließlich schneller, als auf eine Mail zu warten.
Wir bekamen einen Termin, ein einziger Platz wäre noch frei.
Warten. Hoffen. Tausend Mal die Website durchlesen. Und dann kam der Tag.
Wir saßen im Büro und die Kindergarten Leitung erzählte uns, dass sie umziehen. Für einen Moment sah ich mich schon wieder rückwärts rausgehen, wer weiß, wo die Kita hinzieht – Bis sie sagte, dass sie lediglich das Stockwerk wechseln. Der freie Platz war pures Glück. Eine Stunde vor dem Telefonat wurde ein Platz wegen Umzug gekündigt, nach uns stehen schon 2 weitere Eltern auf der Warteliste. Die Krippenplätze – 52 wartende Eltern.
Wir schauten uns die Einrichtung an, hatten ein langes Gespräch und nach fast 1 1/2 Stunden wurden uns 26 Seiten ausgedruckt – Der Kindergarten Vertrag!
Gültig ab Mitte November, vor dem Start kommt sogar der Bezugserzieher zu uns nach Hause, zum Kennlerngespräch. Das Konzept klang gut, anders, als erwartet, aber gut. Die Maus verschwand bei der Besichtigung direkt in einem Raum und wurde richtig sauer, als wir wenig später nach ihr schauten.
Ein paar Wochen noch – Dann geht’s los. Auf ein Neues und dieses Mal hoffentlich als Happy End dieser Story.

4 Gedanken zu “4 Jahre ohne Kindergarten

  1. Hey du Liebe,

    der erste KiGa klang ja horrormäßig! Die arme Kleine! Du solltest dich für deine/eure Entscheidung nicht rechtfertigen müssen. Eurer Tochter geht es ja nicht schlecht zu Haus. Sie ist bei dir und ihrem Bruder und dieser Lebensabschnitt, diese intensive Form des Zusammenseins, wird nie wieder in dieser Art möglich sein. Genießt es ohne schlechtes Gewissen.
    Außerdem drücke ich die Daumen, dass ihr der neue KiGa dann besser gefällt und sie die schönen Seiten am gemeinsamen Spiel in der Gruppe kennenlernt (und Freunde findet, mit denen sie später vielleicht gemeinsa in die Grundschule geht).

    Jede Familie muss sich ihren individuellen Weg suchen und kann ihn aber nur gehen, wenn die Rahmenbedingungen passen. Für mich sah der so aus, dass der Sohn sehr früh betreut wird, weil ich ohne Pause weiterstudieren wollte und weil ich es aus meiner Kindheit in der DDR so kannte, dass man mit 6-12 Monaten das Kind in die Krippe bringt. ich habe viele positive Erinnerungen an die Zeit in Krippe und Kindergarten und wollte das dem Sohnemann auch ermöglichen. Wir hatten Glück mit der Einrichtung die er besuchte, sodass der Plan aufging, aber im Leben läuft nunmal nicht immer alles nach Plan. Und für viele Eltern ist es ein no-go, sein Kind so früh einer (wenn auch liebevollen) Erzieherin zu überlassen. Und diese Entscheidung ist völlig legitim.

    Hab kein schlechtes Gewissen. Ihr kennt eure Tochter am besten und könnt auch am besten einschätzen, was sie glücklich macht und wo sie sich wohlfühlt. In dem ersten KiGa offensichtlich nicht.

    Liebe Grüße
    die Fenchelfrau

    • Danke für deinen tollen Kommentar :) Das hoffe ich auch, wobei ich bei diesem Kindergarten von Anfang an ein viel besseres Bauchgefühl habe. Ich bin wirklich gespannt, nächste Woche ist ihr erster Tag.
      Das muss jeder für sich selbst entscheiden, das stimmt. Den Mini mag ich noch nicht mit einem Jahr in die Kita geben, aber ich finde, es kommt da auch sehr auf’s Kind und an die Rahmenbedingungen an. Wo ich mir bei C. z.B. nicht vorstellen konnte, sie schon mit 2 in die Kita zu schicken, so könnte ich es mir bei dem Mini schon eher vorstellen.

  2. ich finde das war ein sehr interessanter Beitrag, ich als Erzieherin finde es auch wirklich mal wichtig die Reaktionen und Empfindungen der Eltern zu sehen/lesen. Trotzdem finde ich es erschreckend wie , ich sage mal die „Kollegen“ die ebenfalls eine langwierige Ausbildung haben, die Eltern und vor allen Dingen die Kinder so zu behandeln. Es ist um so wichtiger das ein Kind eine Bezugsperson findet auf die man immer zurückgreifen kann – was ist wenn diese nie da ist? Das würde mich auch abschrecken! Wenn man das eigene Kind anmeldet ist es um so wichtiger das man hinter dem Konzept und den Erzieherinnen hinter steht – manchmal zweifel ich auch an manche Erzieherinnen die in anderen Kitas arbeiten wenn ich mir deren Haus, Konzept und Arbeitsweise näher ansehe. Ich finde es auch unfassbar das in keiner näheren Umgebung nicht ein Ü3 Platz ansatzweise frei ist, was bringt es einen Kind wenn es nur 2 bis 3 Stunden in der Kita ist? Dabei wird doch immer in den Medien berichtet das überall ausgebaut wird?! Ich hoffe für euch das es dieses Mal die richtige KiTa ist und ihr jetzt ein besseres und vor allen Dingen richtiges Gefühl habt, damit eure Tochter wieder fröhlich und sorgenfrei in die neue KiTa kann :)

    • Danke dir :) Eben, das ist es. Sie soll ja Vertrauen fassen, jemanden haben, der für sie da ist und an den sie sich wenden kann. Das kann einfach nicht der Fall sein, wenn sie ständig fehlen MUSS, bzw. die Erzieherin nicht da ist. Ich kann dir nur zustimmen.. Überall wird berichtet, dass Kitas erbaut werden, etc., aber letztendlich gibt es einfach keinen Platz. Bei der neuen Kita war es ja auch nur pures Glück, weil EIN Platz frei wurde. Es gibt teilweise ja Wartelisten auf Plätze, wenn die Kita noch nicht mal existiert.. Erschreckend.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.