Glück im Winterwonderland

        

Früher habe ich Schnee gehasst. Als ich noch zur Schule ging, gab es Schneeballschlachten und man bekam schon auf dem Weg zum Klassenraum Schneebälle ab, ob man wollte, oder nicht. Alle freuten sich und hatten Spaß und ich bekam schon schlechte Laune, als ich das Weiße da draußen nur sah.
Das änderte sich auch nicht. Es wurde zwar besser, als die Schulzeit vorbei war, aber ich verfluchte dieses Zeug immer noch, so setzt sich das gestreute Salz an den Schuhen fest und macht hässliche Flecken, auf den Straßen sieht man nur noch dunklen Matsch, man musste aufpassen, wie man läuft, bevor man ausrutscht, alles ist nass, kalt und bäh.
Wenn man zuhause im warmen sitzt, in seiner Kuscheldecke auf dem Sofa und aus dem Fenster guckt, ist es schön. Alles glitzert und strahlt nur so, durch das Weiße überall, es sieht ruhig und gemütlich aus. Aber das war’s auch schon.
Busse und Straßenbahnen fallen aus oder verspäten sich, von der deutschen Bahn gar nicht erst zu sprechen. Es gibt Verkehrsunfälle und Treffen müssen abgesagt werden, weil die Verkehrssituation es einfach nicht zu lässt.
Wenn auf Twitter und Facebook die ersten „Schnee!“ Meldungen kamen, war ich schon dem kotzen nah und wehe, ich musste dann auch noch selber raus in diesen Mist.
Und dann? Dann kam alles anders.
Es schneit. Puderzucker fällt vom Himmel und langsam aber sicher ist der Schnee auf dem Boden so hoch, dass man kaum noch seinen eigenen Fuß sieht, wenn man drauf tritt. Während diesmal andere Leute fluchen, Schnee schippen und das Verkehrschaos vorprogrammiert ist, sitze ich auf dem Sofa, schaue nach draußen und freue mich.
Ich poste Schneebilder auf Instagram, tapse durch den Schnee und es interessiert mich einfach nicht, dass meine Füße kalt sind und mein schwarzer Stiefel nur noch Weiss ist. Und das alles nur, weil ich nicht allein bin.
An meiner rechten Hand umklammern mich 5 kleine Finger, dick eingepackt in Handschuhen.
Lila Winterstiefelchen, die sich das erste Mal nicht sofort ausgezogen wurden und ein pink karierter Schneeanzug, der sie unglaublich groß wirken lässt.
Neben mir läuft meine Tochter, stolze 16 Monate alt und lacht. Quitscht und hat riesigen Spaß.
Das erste Mal, dass es schneit und ich glücklich bin. Glücklich, weil dieses nasse Pulverzeug mein Kind unendlich viel Spaß bereitet, sie läuft, lacht und völlig fasziniert vom Schnee ist.
Der erste Schnee, den sie richtig wahrnimmt, den sie nicht sieht, während sie im Kinderwagen liegt und noch Grösse 56 trägt, sondern fühlen kann. Den sie in die Hand nehmen, mit den Füßen schubsen und sich einfach reinschmeissen kann. Den sie probiert und merkt, dass er gar nicht so lecker und ganz schön kalt ist. Der Schnee, der ihr ein riesiges Lachen ins Gesicht zaubert.
Schnee kann auch schön sein. In diesem ruhigen Winterwonderland im Park, wo keine Autos ihn platt fahren und schmutzig machen, der nicht weggeschippt werden muss und nicht vom Salz zerstört wird. Hier, wo er völlig ok ist. Und ich trotz eisiger Kälte mit Kind und Mann rumlaufe und das Glück mein Herz wärmt.
Eine Familie, die zusammen gehört und alles ist, was ich brauche. In der verhassten Masse, die doch eigentlich gar nicht so schlimm ist.

Und wenn man soviel gelaufen ist, dass man seine Füße kaum noch spürt, wir alle rote Wangen und Nasen haben, dann geht man eben in das kleine Cafe, wärmt sich mit heisser Schokolade, Waffeln mit Vanilleeis oder Mini-Pizza auf. Danach kuschelt man sich zuhause auf dem Sofa in seine Decke und schaut den Schnee da draußen noch ein bißchen an.
Ja, dieses Mal ist es ok. Ich habe meine Meinung geändert und nicht mal 90cm pures Leben sind dran schuld. Schnee kann eben doch schön sein.